Ob der Abend im Gasthaus Mailkeller genauso viel Diskussionsstoff geboten hätte, wenn wie angekündigt Dr. Sergey Pawlowitsch Ganzha, Generalkonsul der Russischen Föderation, höchstselbst gekommen wäre? Da dieser kurzfristig nach Berlin beordert wurde, folgte sein Stellvertreter Andrey Matvienko der Einladung des Arbeitskreises Außen- und Sicherheitspolitik (ASP) des CSU-Kreisverbands Rosenheim zur Diskussion.

Rosenheim – In deutscher Sprache führte der Diplomat zunächst wichtige aktuelle Brennpunkte der russischen Außenpolitik auf, darunter der seit 2014 schwelende Konflikt in der Ostukraine. Laut Matvienko halte Russland die Stabilisierung der Lage bei konsequenter Umsetzung des zweiten Minsker Abkommens, einem erneuerten Waffenstillstandsvertrag vom Februar 2015, für möglich. Jetzt müsse der Blick auf die humanitäre Lage vor Ort gerichtet werden.

Für Unruhe im voll besetzten Saal sorgte die Äußerung Matvienkos, es gebe keine Beweise für die Anwesenheit von vermutlich bis zu 50000 russischer Soldaten in der Ostukraine: „Man sollte nicht alles glauben, was die Medien verbreiten.“ Gemeint waren damit nicht etwa die russischen Medien, sondern die deutschen. „Die Wahrheit liegt stets in der Mitte“, beschwichtigte der Referent kurzerhand.

Deutlich zu spüren war an diesem Abend die eher pro-russische Einstellung vieler Anwesender: So äußerten sich einige der Gäste besorgt über die derzeit angespannten politischen Beziehungen zwischen Europa und Russland und den Ausschluss Russlands vom internationalen Dialog, etwa beim G7-Gipfel 2015, was Matvienko bestätigte: „Selbst zu Zeiten des Kalten Krieges gab es mehr Dialog mit Russland als heute.“ Er bekräftigte aber auch, dass Russland jederzeit bereit für die Wiederaufnahme des gemeinsamen Dialogs sei und lobte den Besuch von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer vor Kurzem in seiner Heimat. Dies sei von den Russen als positives Signal empfunden und in der russischen Presse überwiegend gut aufgenommen worden. Weiteren Besuch aus dem Freistaat heiße man willkommen, vor allem Vertreter aus der Wirtschaft: „Es gibt trotz der Sanktionen Möglichkeiten, wie wir kooperieren können.“

Auf die Frage aus dem Publikum, was man denn auf politischer Ebene tun könne, um aus der supranationalen Vereinigung der sieben führenden Industrienationen wieder eine Gruppe von acht Nationen zu machen, antwortete Matvienko schlicht: „Man sollte Russland einladen.“ Letztlich sei eine gute Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa alternativlos. Der Diplomat erinnerte in diesem Zusammenhang an die frühe Freundschaft zwischen Russland und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: „Viele Russen fragen sich heute, was aus dieser Freundschaft geworden ist.“ Im deutsch-russischen Jugendaustausch, der von beiden Ländern zunehmend gefördert werde, sehe man einen Schritt in die richtige Richtung, um zumindest kulturell wieder zueinander zu finden.

Protestplakat erinnerte an Mordopfer

Nicht alle Themen und Fragen, die während der Diskussionsrunde aufkamen, konnte oder wollte der Diplomat genauer beantworten. So etwa diejenige nach den stark eingeschränkten Handlungsspielräumen für Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Russland. Auch der stille Protest einer russischen Journalistin, die während der Veranstaltung mit einem Plakat an ermordete russische Autoren und Oppositionelle erinnerte, blieb ohne offiziellen Kommentar.

Pressebericht: OVB Medienhaus